Dietätik

Ernährung aus Sicht der TCM

Allgemein

Diesen Monat widme ich dem Thema Ernährung bzw. Diätetik in der TCM.

Die Ernährung in der westlichen Medizin

Wird in der westlichen Gesellschaft über Ernährung diskutiert, geht es meistens um Übergewicht im Allgemeinen, die neusten Diättrends, Kalorien, Vitamine, Mineralstoffe, etc. In den letzten Jahren ist zudem die Qualität der Nahrungsmittel vermehrt in den Vordergrund gerückt. Bio-Produkte finden sich mittlerweile auch beim Discounter an der Ecke. Die Stichworte „regional“ und „saisonal“ finden immer häufiger den Weg in die Medien.

Spezielle Ernährungsformen

Für einige wenige Krankheitsbilder, wie z.B. Diabetes mellitus, Hepatitis oder Beschwerden des Verdauungstraktes gibt es zwischenzeitlich spezielle Ernährungsempfehlungen. Darüber hinaus mehren sich die Hinweise auf die positiven Auswirkungen bestimmter Ernährungsformen bei einer Vielzahl weiterer Erkrankungen wie z.B. Allergien, Unverträglichkeiten, Rheuma.
Die Ernährung spielt aber nicht nur bei fassbaren medizinischen Problemen eine immer größere Rolle. Auch bei sogenannten Befindlichkeitsstörungen, also „Störungen“ zum Beispiel in der Verdauung, für die keine schulmedizinische Ursache gefunden werden kann, greifen Betroffene und Therapeuten auf die neuesten Erkenntnisse der Ernährungswissenschaften zurück. Nicht selten kommt die Schulmedizin bei diesen „Befindlichkeitsstörungen“ an ihre Grenzen. Und nicht zuletzt dann kommt die chinesische Medizin ins Spiel.

Die Ernährung in der chinesischen Medizin

Die chinesische Ernährungslehre bietet ein ganzheitliches Betrachtungssystem, das sich am individuellen Menschen orientiert. Sie dient dem Auffüllen von Reserven und der Unterstützung der Konstitution. Mit Hilfe der Ernährung wird der Körper aufgetankt und mit neuer Energie versorgt, um nicht auf die Reserven zurückzugreifen. Mit Hilfe der Ernährung können Sie sich aktiv und verantwortungsbewusst an Ihrer Therapie beteiligen und Ungleichgewichtszustände vermeiden, bevor sie entstehen.

Es folgen ein paar allgemeine Richtlinien und Empfehlungen zur Diätetik in der TCM:

Qualität der Nahrungsmittel

Die Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen, sollten in einem guten Zustand sein, d.h. sie sollten weitgehend frei von Fremdstoffen (Pestizide, Geschmacksverstärker, gehärtete Fette, etc.) und so wenig wie möglich ver- oder bearbeitet sein. Neben der Qualität empfiehlt es sich auch, den Rhythmus der Jahreszeiten zu beachten, denn die Natur weiß genau, wann wir mit welcher Nahrung am besten versorgt sind. „Saisonal“ und „Frisch vom Markt“ sind hier die Stichworte.

Einsatz von Kräutern und Gewürzen

Durch den Einsatz möglichst vieler verschiedene Gewürze und Kräuter werden die Gerichte nicht nur lecker. Sie setzen die Verdauungsvorgänge im Körper in Bewegung und runden den Geschmack perfekt ab.

Temperatur der Nahrung

Der Körper liebt es energieeffizient! Das heißt er mag es schön angenehm warm und möchte nicht mehr Energie aufwenden, als unbedingt nötig.

In der chinesischen Ernährungslehre vergleicht man den Magen mit einem Topf, in dem eine Suppe vor sich hin köchelt. Unsere Milz ist bildlich gesprochen das Feuer unter dem Topf, das notwendig ist um die Nahrung zu transformieren und Energie bereitzustellen.

Gibt man nun sehr kalte Zutaten hinzu, braucht es zusätzliche Energie, um die Suppe auf die für die Verdauung notwendige Temperatur zu erwärmen.

Gibt man gleich warme Zutaten in den Magen, muss sofort viel weniger Energie aufgewendet werden, um das Verdauungsfeuer gleichmäßig flackern zu lassen. Bleiben wir bei der chinesischen Betrachtungsweise des Körpers und den 5 Elementen (Monatsthema April), ergibt sich folgende Schlussfolgerung:

Die Energie (Feuer) der Milz ist notwendig, um die Nahrung im Magen (Topf) so gut vorzubereiten (transformieren), dass es dem Köper leicht fällt, das Optimum an Energie aus der Nahrung zu ziehen.

Hat man dieses Wissen im Hinterkopf, verstehen man, warum eigentlich alle asiatischen und traditionell auch einige westliche Kulturen, morgens grundsätzlich eine warme Mahlzeit zum Frühstück zu sich nehmen. Ob man, wie viele Chinesen, Thailänder und Japaner kräftige lang gekochte Suppen/Getreidebreis isst, oder lieber wie die Briten ein leckeres Oat Meal (Haferbrei süß oder herzhaft), Baked Beans, Ei und Speck oder wie viele Mexikaner eine deftige Tortilla zu sich nimmt, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Man kann also festhalten, ein warmes Frühstück bringt den Organismus in Schwung. Aber wie ist es mit dem Mittag- und Abendessen?
Auch hier ist sich die chinesische Medizin sicher. Ein (gerne auch deftiges) warmes Mittagessen und eine leichte warme Abendkost (Suppe, gedünstetes Gemüse, Fisch,…) helfen dem Körper, im energetischen Gleichgewicht zu bleiben.

Übrigens haben auch unserer Vorfahren hierzulande bis vor nicht allzulanger Zeit lange gekochte Eintöpfe gegessen.

Rhythmus und Menge

Die regelmäßige und maßvolle Nahrungsaufnahme stellt ebenfalls einen wichtigen Grundsatz in der chinesischen Ernährung dar. Dreimal am Tag warm hieß es schon im alten China. Morgens ruhig etwas mehr und etwas, das man am besten ohne viel Kauen und schnell zu sich nehmen kann (Ei, Brei, Eintöpfe …), mittags etwas, das schmeckt, frisch ist und satt macht und abends etwas Leichtes, das den Magen beschäftigt, aber nicht überfordert. Ganz nach dem Motto: „Morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König, abends wie ein Bettelmann“.

Ort der Nahrungsaufnahme

Auch das Wo und Wie ist ein wichtiger Aspekt: In vielen Single-Haushalten und leider auch in vielen Familien hat sich das Essen unter Stress, „so nebenbei“ oder vor dem Fernsehen/Telefonieren eingebürgert. All diese Faktoren belasten unsere „Mitte“ (chinesisch Funktionskreis Magen/Milz) – hier muss die Nahrung aufgenommen, verarbeitet und weitergeleitet werden. Deshalb ist Ruhe und Achtsamkeit ein wichtiger Aspekt. Darüber hinaus ist das möglichst lange Kochen und Kauen der Nahrung eine Vorstufe für den Verdauungsprozess. Es erleichtert den weiteren Transport der Nahrungsbestandteile und deren Umwandlung in Energie (chinesisch Qi)

Zubereitung der Mahlzeiten

Jedes Lebensmittel hat einen bestimmten Energiewert. In der chinesischen Medizin spricht man von heißen, warmen, neutralen, kühlen und kalten Nahrungsmitteln. Der Energiewert der Nahrungsmittel verändert sich durch die Zubereitungsart. Aus diesem Grund ist es ratsam vorwiegend frische Nahrungsmittel einzusetzen. Bereits tiefgekühlte, oder konservierte Nahrungsmittel sind durch die Haltbarmachung bereits verändert und enthalten nicht mehr den natürlichen Energiegehalt. Auch der Einsatz der Mikrowelle wird in der chinesischen Ernährungslehre sehr skeptisch betrachtet, da auch hierbei die Struktur der Nahrungsmittel und damit die Energetik stark verändert wird.

Der eigentliche Kochvorgang bringt die Geschmacksenergie deutlich hervor. Die Energiewerte werden durch die Dauer des Kochvorgangs beeinflusst, indem der Nahrung durch das Kochen Energie/Wärme hinzugefügt wird. Die in der chinesischen Medizin häufig eingesetzten Kraftsuppen entfalten ihre Heilkraft durch die sehr langen Kochzeiten auf kleinster Flamme. Vergleichen lässt sich dies bei uns mit der guten alten Rinder-, Hühner oder Ochsenschwanzsuppe. Und auch der neue Gar-Trend des Sou-vide ist nichts anderes als ein langsames und maßvolles Hinzufügen von Energie in ein Lebensmittel – mit perfektem Ergebnis.

Das Dünsten der Speisen hält die Energie der Nahrungsmittel durch die schonende Zubereitung relativ neutral.
Braten, Backen, Überbacken bringt viel Hitze in die Nahrung und eignet sich zum Beispiel – ganz Gegensatz zu unsere Grillgewohnheiten – gut im Winter.

Getränke

Ganz nach der Devise der Energieeffizient (s. Punkt 3) ist es sinnvoll warme oder lauwarme Getränke zu genießen. Denn auch kalte Getränke müssen erst auf optimale Verdauungstemperatur gebraucht werden. Und das kostete wieder unnötig Energie.  Eiskalte Getränke (und leider auch leckeres Speiseeis) kühlen die Temperatur ihres Verdauungsfeuers sofort herunter und die Milz muss schauen, wie sie ihre Flamme zum Kochen am Brennen hält.

Rohkost

Rohkost und Salate schwächen die Mitte. Um diese Nahrung zu transformieren muss enorme Energie aufgewendet werden und der Körper muss an seine Reserven gehen. Jetzt könnte man denken: Das ist doch super, wenn mein Körper mehr Energie verbraucht, nehme ich ab! Das Gegenteil ist der Fall: Ihre Mitte wird geschwächte und die Verdauung verlangsamt sich. Der Körper lagert vermehrt ein, es bildet sich Feuchtigkeit und es entstehen weitere Ungleichgewichte im Körper, die u. U. Beschwerden körperlicher Art verursachen können. Aus diesem Grund ist auch der Genuss von den derzeit so beliebten grünen Smoothies aus chinesischer Sicht wenig sinnvoll. Wir wissen ja: Der Körper liebt es energieeffizient und warm.

Möchten Sie auf Salate nicht verzichten bieten sich Salate aus gekochtem Gemüse an. Oder sie essen Salat dann, wenn sie so oder so schon sehr aufgeheizt sind – im Sommer, bei sehr heißen Temperaturen oder als leckere Beilage zu Gebratenem. Eine Alternative zu frischem Obst ist zum Beispiel ein Obstkompott aus heimischen Früchten.

Brot

Neben Wärme ist auch Feuchtigkeit ein wichtiges Thema bei der Ernährung. Frisches Brot ist leider sehr sehr lecker, aber auch sehr, sehr feucht! Feuchtigkeit wird allerdings nur schwer abgebaut. Vor allem dann, wenn die Milz als unsere Mitte – also unser Verdauungsfeuer – sehr schwach ist. Und das ist leider bei vielen Menschen so. Üppige Brotmahlzeiten – auch wenn Deutschland bekannt ist für seine Brotvielfalt – bedingen in unserem Körper, dass Feuchtigkeit hineingebraucht wird und auf Grund der oft kleinen Verdauungsflamme nicht schnell genug getrocknet werden kann. Die Konsequent ist, wir nehmen zu, fühlen uns vollgefuttert und sind gebläht. Der Stuhl wird weich und riecht unangenehm. Dabei ist Brot nicht per se schlecht! Würden wir, wie unsere Vorfahren, nur einmal alle 2 Wochen backen, wäre das Brot schön trocken und damit auch sehr viel bekömmlicher. Zugegeben auch weniger lecker. Nichts desto totz. Wenn sie sich etwas Gutes tun wollen, werfen sie ihr altes Brot (außer es schimmelt) nicht weg, sondern essen Sie Brot, das bereits ein paar Tag alt ist. Getoastet ist das dann immer noch der Hit.

Milchprodukte

Ach ja! Die allseits geliebten Milchprodukte! Kaum eine Diät, die nicht auf Quark, Skyr und Co schwört. Auch hier gilt das Motto, weniger ist mehr. Denn, Sie erraten es schon, auch frische Milchprodukte wie Quark, Frischkäse, Joghurt usw. sind – richtig – echte Feuchtigkeitsbomben. Greifen sie alternativ gerne zu Schnittkäse und sehen Sie Quark und Co. eher als Topping an.

Fazit

Man könnte schnell den Eindruck gewinnen, die chinesische Ernährungslehre besteht aus einer Aneinanderreihung von Vorschriften und Verboten. Seien Sie versichert, die chinesische Medizin ist individuell, aber keineswegs verbissen. Wenn man sich an die Grundlagen – also dreimal am Tag warm, wenig feuchte und kalte Nahrung, möglichst saisonale, regionale und Bio-Produkte und angemessene Essensmengen – hält, stellt sich bereits innerhalb weniger Wochen ein deutlich besseres Lebensgefühl ein. Sie haben meistens mehr Energie, schlafen besser, brauchen weniger Kaffee und nehmen im Idealfall sogar noch ab. Schon mit kleinsten Veränderungen können sie Großes bewirken. Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie von heute auf morgen ihre Essgewohnheiten komplett auf den Kopf stellen. Es ist noch kein (Ernährungs)meister vom Himmel gefallen. Machen Sie kleine Schritte und essen Sie zum Beispiel morgens einfach mal was Warmes (wie gesagt, egal ob ein Omlette, eine Brühe oder ein Getreidebrei – warmes Müsli). Oder gönnen Sie sich abends etwas Leichtes. Oder Mittags mal etwas Nahrhaftes. Beobachten Sie Ihr Körpergefühl an diesen Tagen. Sie werden begeistert sein.

Sie benötigen Hilfe auf dem Weg zu neuem Wohlbefinden durch Ernähung oder wollen mehr zum Thema wissen? Sprechen Sie mich gerne an.

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